Wildheuen im Urner Isenthal

Zwei Regeln bestimmen seine Arbeit in den Bergen: nie einer Sache «nachespringe» und – falls man ins Rutschen gerät – sich unbedingt auf den Bauch drehen, damit es einen nicht überschlägt. Toni Herger mäht als Wildheuer im Urner Isenthal ungedüngte Bergwiesen an steiler Lage. Von oben sieht es aus, als ginge es fast senkrecht hinunter. Tausend Meter tiefer unten schimmert der Vierwaldstättersee. "Dass man runterfallen könnte, daran denke ich nicht", sagt Herger. Das Gefährlichste am Wildheuen sei, auf dürrem Heu zu stehen: "Das ist so rutschig wie Schmierseife. Da fährt man runter wie auf dem Bob." Die Fältchen um die hellblauen Augen zeugen von seinem Schalk.

Nirgendwo auf der Welt ist das Wildheuen so verbreitet wie im Kanton Uri. Das Land der Wildheuer ist gepachtet und gehört der Korporation Uri. Die Regionen werden nur alle zwei, drei Jahre gemäht, sodass die Wiesen sich mit dem liegen gebliebenen Gras selbst düngen. Herger bewirtschaftet zwei Gebiete, dieses Jahr 1,2 Hektar hinter der Chulm und oberhalb der Musenalp. Ein bis zwei Wochen lang lebt er dort ohne fliessend Wasser und Strom, gelegentlich unterstützen ihn zwei Freunde und drei seiner vier Kinder.

Der alpine Wanderweg zu seiner Hütte ist talseits oft gefährlich abschüssig – dennoch bewegt er sich wie auf einem Boulevard. Entspannt betrachtet er die Landschaft und erzählt: Wiesen ohne Bewirtschaftung verbuschen, im Extremfall verwalden sie sogar. Das erhöht die Lawinengefahr, weil hohes Gras bei Schnee wie eine Rutschbahn wirkt. Seit Beginn des Förderprogramms für Wildheuer im Jahr 2008 konnten zahlreiche aufgegebene Flächen neu bewirtschaftet werden – und seither hat die Pflanzenvielfalt zugenommen, denn auf geschnittenem Gras gelangen Wasser und Samen leichter in die Erde.

Text: Laila Schläfli

Isental UR, 2016

Im Auftrag vom Migros Magazin

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Two rules determine his work in the mountains: Two rules determine his work in the mountains: never jump after a thing and - if one slides - turn instantly on the belly.

Toni Herger mows wild mountain meadows at a steep position in the Urner Isenthal. From the top it looks as if it were going down almost vertically. Nowhere else in the world is this so widespread as in the canton of Uri. A thousand meters down the "lake of the four forests cantons" glimmers. "I can not think of that," says Herger. The most dangerous thing is to stand on dry hay: "This is as slippery as soap. There you go down like on a bob."

The regions are mown only every two or three years, so that the meadows are fertilized with the grass that is left behind. Herger farms two areas, this year 1.2 hectares behind the Chulm and above the Musenalp. For one or two weeks he lives there without running water and electricity, occasionally two friends and three of his four children support him.

Isental UR, 2016

commissioned by Migros Magazin

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Wildheuen im Urner Isenthal